Loretta - 2.Kapitel
Sie hatte nun ihre Wohnung fast vollständig aufgelöst. Vor einigen Wochen schon hatten ihre beiden erwachsenen Kinder die Sachen von sich abgeholt, die ihnen wichtig waren, an denen Erinnerungen aus der Kindheit hingen oder die sie noch brauchen konnten.
Die wertvollen Sachen aus der Wohnung, wie einige technische Geräte, ihre CD-Sammlung, kostbare Bilder und Lampen hatte Loretta verkaufen können.
Die meisten Möbel und das gesamte Geschirr hatte sie, mit Hilfe ihrer Kinder, zur Nachbarschaftshilfe gebracht.
Und schließlich hatte sie für die restlichen Sachen den Sperrmüll bestellt.
Ebenso war sie mit ihrer gesamten Kleidung verfahren. Die wertvolle Designerkleidung hatte sie an entsprechende Secondhandläden verkauft, die anderen Sachen verschenkt oder dem Roten Kreuz überlassen.
Zwei Koffer mit Dingen und Kleidung, die ihr wichtig waren, hatte sie bei ihrer besten Freundin Gisela untergestellt. Ihre Wohnung war nun frisch gestrichen und besenrein.
Loretta lag auf ihrer Isomatte im Schlafsack auf dem Boden. Eine Kerze brannte. Der Strom war schon abgestellt.
Es war eine heiße Sommernacht. Die Balkontür stand offen. Von draußen klangen Wortfetzen von Gesprächen, da viele Leute in den Gärten saßen oder ihre Fenster geöffnet hatten.
Morgen Mittag ging ihr Flug nach Tibet. Sie verließ Deutschland auf unbestimmte Zeit.
An dem ersten Morgen, nachdem sie ihren Fernseher über den Balkon geworfen und damit irgendwie einen Schlusspunkt gesetzt hatte, hatte sich Loretta erst mal krank schreiben lassen. Sie hatte nämlich äußerst miserabel geschlafen und sich gefühlt wie ein Wrack. Es war nicht schwer gewesen, den Arzt von einer beginnenden Grippe in Kombination mit Burnout und Depression zu überzeugen. Mit einem Rezept für bestimmte Kopfschmerzmittel und leichte Antidepressiva und vielen Ratschlägen hatte er sie für drei Wochen nach Hause entlassen.
In ihrer Wohnung angelangt, hatte Loretta sich nun nicht mehr mit Fernsehen ablenken können. Sie hatte sich auf die Couch gesetzt, den gekauften Salat gegessen und sich im Wohnzimmer umgesehen.
Sie hatte überlegt, alle Möbel rauszuschmeißen, zu tapezieren, die Wohnung neu einzurichten, sie hatte alte Möbelkataloge aus dem Schrank gekramt und im Internet nach witzigen Möbelstücken gesucht, die Wohnung ausgemessen und nach Teppichen und Laminat geschaut. Sie hatte auch überlegt, was sie mit den Kinderzimmern machen wollte. Arbeitszimmer, Gästezimmer, Atelier, untervermieten.....
Nach einigen Stunden war sie dann erschöpft auf die Couch gesunken und hatte den Kopf geschüttelt. Nein, irgendwie hatte das alles nicht gestimmt.
Sie wollte einfach nicht mehr so weiter machen. Und als sie sich nochmal in dem Wohnzimmer umgesehen hatte, musste sie sich eingestehen: sie wollte die Wohnung nicht renovieren. Sie wollte hier raus. Sie musste hier raus. Es war ein Gedanke, von dem sie plötzlich gewusst hatte, dass sie ihn schon öfter hatte denken wollen, sich aber nicht getraut hatte, ihn aufsteigen zu lassen, weil sie sich vor den Konsequenzen gefürchtet hatte.
Sie wollte hier raus - aus der Wohnung ausziehen. Sie hatte dann nachgespürt, wie es sich anfühlte, sich diesen Gedanken doch einmal zu erlauben.
Dummerweise hatten in dem Moment auch noch weitere, bisher unbekannte Gedanken diese plötzliche Gelegenheit wahr genommen und waren in ihr Bewusstsein geschossen. Ausziehen, alles verkaufen, hier weg gehen, woanders leben, anders leben, nie mehr zurück kehren. Sie hatte dann aber doch Angst bekommen und ihren Fernseher vermisst, mit dem sie bisher ihre Gefühle hatte in Schach halten können.
Die Überlegungen setzten sich fort; Ihre Kinder waren groß, die brauchten sie nicht mehr. Sie müssten eben finanziell für sich allein einstehen, und hätten ihre Mutter nicht mehr im Rückhalt. Aber wozu hatten sie einen Vater? Der könnte ihnen mehr Geld zukommen lassen.
Arbeit? Freunde? Würde sie etwas davon vermissen? Würde SIE jemand vermissen?
Tränen waren ihr plötzlich in die Augen geschossen bei dem Gedanken, dass es vielleicht niemand bemerken würde, wenn sie nicht mehr da wäre. Naja, doch - Gisela würde sie vermissen - und Joe bestimmt auch - das waren zwei alte Freunde. Aber sie wohnten beide weiter weg und würden es vielleicht erst nach Wochen mitbekommen, wenn Loretta auf und davon wäre.
Das Weinen hatte ganz gut getan, die vorige Spannung hatte sich gelöst. Loretta hatte sich ein Glas Rotwein eingeschenkt und einen alten Roman zur Hand genommen, um es sich mit ihrer Kuscheldecke auf der Couch gemütlich zu machen.
Ihr Wunsch, die Wohnung, die Arbeit, ihr bisheriges Leben zu verlassen, ließ im Laufe des folgenden halben Jahres in keiner Weise nach.
Sie hatte anfangs mit allen möglichen Freunden und Bekannten darüber gesprochen, damit aber nach kurzer Zeit aufgehört, da alle sie davon überzeugen wollten, dass man nicht alles aufgeben solle. Alle rieten ihr von einer grundlegenden Veränderung ab. Man müsse bewahren, was man hat.
Später würde es vielleicht keine Arbeit mehr geben, sie sei womöglich zu alt, zu lange raus oder sonst wie nicht mehr integrierbar. Außerdem müsse sie ja auch an die Rente denken - da gäbe es sonst einen Ausfall.
Ihr fiel nach diesen Gesprächen zunehmend auf, dass sie genau das nicht mehr sein wollte: integrierbar.
Da niemand sie zu verstehen schien, ging sie nach einigen Wochen zu einem Psychiater, weil sie dachte, dass mit ihr etwas Gravierendes nicht stimmen könne. Dieser Mann hörte ihr eine Stunde lang zu, rieb sich den Bart und bestellte sie zu einem weiteren Termin. Diese eine Woche lang, zwischen diesen beiden Terminen, glaubte Loretta fest, dass er sie das nächste Mal wahrscheinlich in die Irrenanstalt einliefern würde.
Der zweite Besuch brachte jedoch ein Überraschung.
Dr. Hübner, wie der Psychiater hieß, erzählte die folgende Stunde Loretta sehr strukturiert von sich selbst. Nach seinem umfangreichen Studium hatte er fünfzehn Jahre in einer Psychiatrie gearbeitet und war selbst psychisch und physisch an sein Limit gekommen. Nach diesem Burnout hatte er einfach nicht weiter gewusst und auch nicht mehr gekonnt und hatte sich entschieden, alles zu verkaufen und auf unbestimmte Zeit Deutschland - mit allen Konsequenzen - inklusive Rente und Ehefrau - zu verlassen. Dann hatte er mehrere Jahre in Tibet verbracht,
in einem Kloster gelebt, meditiert, sich sein Essen mit Gartenarbeit und Hilfstätigkeiten verdient, wie es die dort lebenden Mönche praktizierten.
Nach fast sieben Jahren hatte Dr. Hübner seine Schwester gebeten, ihm Geld zu schicken, damit er zurück nach Deutschland kehren konnte. Hier hatte er sich dann selbstständig gemacht und sich ein neues Leben aufgebaut. Ob er heute glücklicher war, ließ Dr. Hübner offen. Aber er lächelte verschmitzt, während er alles erzählte.
Er entließ Loretta mit den Worten, dass er für sie keinerlei psychiatrische Diagnose parat hätte und weiter nichts für sie tun könne.
Auf dem Nachhauseweg, den Loretta zu Fuß vornahm, um nachdenken zu können, kam sie sich sehr allein und verlassen vor. Ihr wurde klar, dass jegliche Entscheidung über ihr Leben, die sie treffen konnte, ganz allein von ihr abhing, und dass sie niemanden hatte, dem es grade genau so ging, der ihre Gefühle im Moment teilte und mit dem sie sich hätte beraten können. Sie wusste jetzt nur, dass es zumindest einen Menschen gab, dem es schon mal genau so GING wie ihr jetzt, der sich aber mittlerweile schon wieder in einer anderen Lebensphase befand. Sie war sich natürlich auch nicht sicher, ob sie nun genau so mit ihrem eigenen Leben verfahren wollte, wie Dr. Hübner damals für sich entschieden hatte.
Sie könnte ja eben auch einfach die Wohnung renovieren oder umziehen, ihren Job wechseln. Zur Not konnte sie auch noch in eine andere Stadt ziehen, wenn das denn helfen würde, ihr Wohlbefinden wieder herzustellen oder überhaupt erst einmal zu finden. Nach Tibet auszuwandern schien ihr jetzt für sich selbst sehr weit hergeholt.
Aber es sollte eben doch anders kommen.
Fehmarn zwischen den Jahren
Das Meer erscheint im Kleid des Windes
Der Sturm peitscht über Gras und Sand
Die Brücke stellt die Bindung dar
zwischen Insel und dem festen Land.
Ihr Bogen öffnet sich zum geist'gen Reich
als Tor in die geheime Anderswelt
geschwungen breit vom Hier ins Da
sich schemenhaft gen Himmel stellt.
Im Schutz der winterlichen Dunkelheit
fliegen sie über den Fehmarnsund
auch hier auf der Insel, die nächtlichen Geister
tun sie die Raunächte kund.
Die Geister schleppen, hebeln, rasseln,
und wollen Leben an sich ziehn
sie klötern, rascheln, heulen, huschen
Sind bucklig, hässlich, wunderschön.
Wer sie erblickt und Angst empfindet
den fassen sie und fangen
wird im ew'gen Zwischenreich verbündet
und nimmermehr zurückgelangen.
Wer Wäsche trocknet in der Zeit
dem fahren sie ins Kleidungsstück
wer es trägt wird mitgenommen
auch für den gibt's kein Zurück.
Die Insel ist nun ganz durchzogen
Die Raunacht Fehrmarn ganz befällt
erst am sechsten Tag im neuen Jahr
schließt sich das Tor zur Geisterwelt.
Vom Sirius
Siriana kommt vom Planeten Sirius.
Dort leben auch ihre richtigen Eltern. Sie hatte schon immer gedacht, dass ihre biologischen Eltern so anders waren als sie - nur das Aussehen war ähnlich - seelisch waren sie grundverschieden.
Auf Sirius werden alle Tiere geliebt und geschätzt und artgerecht gehalten, besonders die Hunde. Alle Sirianer helfen den Tieren und keiner würde auf die Idee kommen, ihnen etwas anzutun.
Viele Sirianer werden zur Erde geschickt, um dort den Tieren zu helfen. Sie vergessen aber meist durch die Geburt ihre Herkunft.
Die Tiere auf der Erde sind ursprünglich alle vom Sirius, aber sie wurden entführt und auf der Erde vermehrt, um sie dort zu benutzen.
Als Sirianer auf der Erde ist es wichtig, sich nicht in das Denken der Erdlinge verwickeln zu lassen, sondern auf die eigene Wahrheit zu hören. Die Weisheit der Sirianer ist unendlich viel größer, als das banale Wissen der Erdlinge, die sich einbilden, die Krone der Schöpfung zu sein.
Aber nicht jeder Sirianer darf zur Erde - er muss besondere Fähigkeiten haben, um auserwählt zu werden. Diejenigen, die auf die Erde geschickt werden, vergessen alles, was vor ihrer menschlichen Geburt lag. Sie merken aber bereits als Kinder, dass irgendetwas anders an ihnen ist und sie nicht wirklich gut zu den Menschen passen. Für sie ist klar, dass die Menschheit in einer Lügen- und Scheinwelt lebt.
Aber erst denken sie, dass sie nicht in Ordnung sind, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Solange, bis sie im Erwachsenenalter so etwas wie eine Erleuchtung haben und ihnen alles wieder einfällt.
Dann wollen die meisten nach Hause, aber sie müssen bis zu ihrem Tod auf der Erde bleiben und hier ihre Aufgabe erfüllen. Die Aufgaben der einzelnen unterscheiden sich, aber es geht immer darum, die Wahrheit zu den Menschen zu bringen und ihnen klar zu machen, dass Tiere zu schützen sind und die Menschen mehr Empathie und Liebe benötigen, um ihre Welt zu erhalten und ein schönes Leben zu führen.
Dort leben auch ihre richtigen Eltern. Sie hatte schon immer gedacht, dass ihre biologischen Eltern so anders waren als sie - nur das Aussehen war ähnlich - seelisch waren sie grundverschieden.
Auf Sirius werden alle Tiere geliebt und geschätzt und artgerecht gehalten, besonders die Hunde. Alle Sirianer helfen den Tieren und keiner würde auf die Idee kommen, ihnen etwas anzutun.
Viele Sirianer werden zur Erde geschickt, um dort den Tieren zu helfen. Sie vergessen aber meist durch die Geburt ihre Herkunft.
Die Tiere auf der Erde sind ursprünglich alle vom Sirius, aber sie wurden entführt und auf der Erde vermehrt, um sie dort zu benutzen.
Als Sirianer auf der Erde ist es wichtig, sich nicht in das Denken der Erdlinge verwickeln zu lassen, sondern auf die eigene Wahrheit zu hören. Die Weisheit der Sirianer ist unendlich viel größer, als das banale Wissen der Erdlinge, die sich einbilden, die Krone der Schöpfung zu sein.
Aber nicht jeder Sirianer darf zur Erde - er muss besondere Fähigkeiten haben, um auserwählt zu werden. Diejenigen, die auf die Erde geschickt werden, vergessen alles, was vor ihrer menschlichen Geburt lag. Sie merken aber bereits als Kinder, dass irgendetwas anders an ihnen ist und sie nicht wirklich gut zu den Menschen passen. Für sie ist klar, dass die Menschheit in einer Lügen- und Scheinwelt lebt.
Aber erst denken sie, dass sie nicht in Ordnung sind, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Solange, bis sie im Erwachsenenalter so etwas wie eine Erleuchtung haben und ihnen alles wieder einfällt.
Dann wollen die meisten nach Hause, aber sie müssen bis zu ihrem Tod auf der Erde bleiben und hier ihre Aufgabe erfüllen. Die Aufgaben der einzelnen unterscheiden sich, aber es geht immer darum, die Wahrheit zu den Menschen zu bringen und ihnen klar zu machen, dass Tiere zu schützen sind und die Menschen mehr Empathie und Liebe benötigen, um ihre Welt zu erhalten und ein schönes Leben zu führen.
Coquelicot
Mohn - so rot
so leicht und doch sehr intensiv
erfrischt in einer Brise
neigst du den großen Kopf
Die Blätter leicht im Winde
entblößen den schwarzen Kern
Stempelchen von Gold
locken jede Biene an
Erfreust das Herz, der dich erblickt
die Farbe ganz allein entzückt
wenn du dich zeigst
ist der Sommer nicht mehr fern
So wild und unverfroren
erblühst du selbst am Straßenrand
selbstverständlich stehst du da
trennst dich schnell von deinen Blättern
Keinen lässt du kalt
und doch bist du unauffällig
wie eine Braut, die sich noch nicht sicher ist
scheu im Hintergrund
mit vielen Schwestern
Liebe 2
Nur das, was einen begeistert
macht im Leben Sinn
Das die Flamme zum Lodern bringt
zum Grund der Seele hin
Die Wahrheit wohnt in der Tiefe
in der Seichtheit liegt kein Glück
den belohnt das Leben,
der kehrt zum Herz zurück.
Liebe 1
Du Licht des Lebens
Liebe genannt
drückst dich in Blumen aus
in Wind und Sand
Erhellst was ist in Dunkelheit
machst alles lohnenswert
vergessen lässt den Raum, die Zeit
das Leben wird ganz unbeschwert
Loretta
Loretta knallte mit dem Absatz die Haustür zu. Sie hatte genug von dem ewigen Hinter-dem-Geld-Herrennen. Sie konnte nicht mehr. Hatte sie ein Burn-out? Nein, eigentlich fühlte sie sich frisch und gesund. Es kam ihr nur alles sehr sinnlos vor.
Nachdem sie sich vor Jahren von ihrem Mann hatte scheiden lassen, hatte sie wie verrückt für ihre zwei Kinder und sich gearbeitet. Ihren eigentlichen Beruf als wissenschaftliche Assistentin an der Universität hatte sie noch mit Nebenjobs als Übersetzerin, Babysitterin und zeitweise sogar als Putzfrau ergänzen müssen.
Nun waren ihre beiden Kinder über zwanzig und bereits ausgezogen. Sie lebten mit ihren jeweiligen Partnern zusammen und jobbten und studierten.
Natürlich zahlte Loretta ihnen noch Geldzuwendungen, aber aus den gröbsten Zahlungen war sie raus. Das Geld musste im Wesentlichen nur noch für sie selbst und ihre Katze reichen.
Für eine neue Partnerschaft hatten ihre Kräfte in den letzten Jahren nicht gereicht. Sie hatte letztendlich keine Energie zum Leute kennen lernen gehabt oder gar für Dates mit unbekannten Männer. Es hatte vor zwei Jahren einmal einen Flirt mit einem älteren Studenten gegeben, der auch zu etwas näherem Kontakt geführt hatte, aber eine Liebe war nicht draus geworden.
Als Loretta ihre Tasche müde in die Ecke warf, fühlte sie deutlich, dass sie so nicht mehr weiter machen wollte. Was war der Sinn ihres Lebens? Arbeiten, um am Leben zu bleiben? Wofür?
Ihre ebenfalls arbeitssamen Freunde lebten alle für die paar Wochen Urlaub im Jahr oder für einen Abend im Kino oder für viele Abende vor dem Fernseher. Loretta schaute ebenfalls viel fern, da sie abends über keinerlei Kraft mehr für aufwändige Unternehmungen verfügte. Der verfluchte Wecker würde sie am nächsten Morgen auch nur wieder hochquälen, und im Gedanken daran kam auch keine Lebensfreude oder Unternehmungslust mehr auf.
Konnte man nicht mal ein Sabbatjahr einrichten? Oder einfach alles verkaufen und auswandern? Zum Beispiel nach Tibet, wo man in einem Kloster meditieren könnte. Oder mal den Jakobsweg lang laufen. Sie ließ sich auf die Couch fallen. Der Fernseher ging wie von selbst an. Sie konnte sich gar nicht erinnern, ihn angestellt zu haben.
Die nervige Werbung dröhnte an ihr Ohr. Dann folgten die Katastrophen der Welt, die man sich als gebildeter Normalbürger ja auch anzuhören hatte. Keine Nachrichten wissen - das ging natürlich gar nicht. Warum eigentlich nicht? Mir ginge es dann besser, dachte Loretta.
Im Anschluss kam ein Spielfilm. Sie merkte, wie sie innerlich etwas abstarb und sich vom Film einlullen ließ. Der Film bediente viele Frauen- und Männerklischees. Loretta merkte, wie sie sich innerlich ärgerte und ihre gesammelte Unzufriedenheit wuchs.
Sie machte den Fernseher aus und sah sich ungehalten in ihrer Wohnung um. Die gesamte Einrichtung stammte noch aus Zeiten ihrer Ehe. Die Kinderzimmer waren noch für die Kinder bereit, falls mal wieder eines bei ihr einziehen oder zumindest nächtigen wollte. Die Wohnung war ordentlich und sauber, aber der bewusste Anblick steigerte ihre Unzufriedenheit noch mehr.
Sie stand auf und ging zum Wohnzimmerschrank ihr gegenüber. Sie öffnete eine Schranktür und sah hinein. Da standen noch zwei Cognacflaschen von ihrem Ex-Gatten. Eine Schachtel Zigaretten von ihm lag da auch schon über zehn Jahre unangerührt.
Im Nebenschrank fand sie ein paar alte Computerspiele von ihren Kindern, alte Videofilme aus alten glücklichen Tagen der Familie und zwanzig Jahre lang nicht angerührte Bücher.
In Loretta stieg Wut hoch - Wut auf die Familie, die sie verlassen hatte, Wut auf dieses ewige Arbeiten, nie Zeit für sich selbst haben, das Leben verpassen.
Sie knallte die Schranktür zu und warf sich wieder auf die Couch. Der Fernseher schien schon wieder von selbst angegangen zu sein. Der langweilige Klischeefilm lief erneut.
Loretta hielt sich erst die Augen, dann die Ohren zu. Es gelang ihr nicht, den Fernseher erneut auszuschalten. Sie hatte das Gefühl, die Realität nicht aushalten zu können, wenn er nicht lief. Der Film zeigte ein Paar, wie es arbeitete, ins Kino ging und in den Urlaub fuhr. Gab es denn gar nichts anderes auf der Welt zu tun? War das der Sinn des Lebens?
Loretta hatte das Gefühl, zu ersticken. Sie versuchte, mit Hilfe der Fernbedienung auf ein anderes Programm umzuschalten. Die Finger gehorchten ihr nur schwer, während sie keuchend atmete. Auf dem anderen Programm schien der gleiche Film zu laufen, oder zumindest ein ähnlicher. Loretta sog verzweifelt Luft ein, die sich ihrer Lunge zu widersetzen schien. Mit letzter Kraft und sehr kurzatmig, gelang es ihr, die Balkontür zu öffnen. Gierig sog sie die frische Winterluft ein, während hinter ihr im Film die Darsteller lachten, weil sie auf Mallorca gelandet waren und zwei Wochen im Hotel verbringen würden. Nach den zwei Wochen würde der Alltagstrott dann erträglicher sein.
Loretta hielt sich mit beiden ausgestreckten Armen am Türrahmen fest. Sie hatte das Gefühl, gleich über die Brüstung in den Schnee hinaus zu fallen. Dieses Gefühl löste Angst und Sehnsucht zugleich in ihr aus. Wie wäre es, dem ganzen zu entfliehen und allem einfach ein Ende zu setzen? Aus dem zweiten Stock würde sie sich aber vielleicht nur die Beine brechen und müsste alles noch weiter aushalten. Hinter ihr war die Werbeunterbrechung. Der richtige Joghurt macht glücklich. Die richtigen Schuhe machen glücklich. Die richtige Reisegesellschaft macht glücklich. Dieses Glück gibt es nur mit Geld, das heißt arbeiten, arbeiten, arbeiten, um sich dieses kleine Glück zu kaufen.
Plötzlich drehte sich Loretta um. Sie stürzte sich nicht über die Brüstung sondern stakste etwas steif und immer noch kurzatmig zu ihrem Fernsehgerät. Sie sah auf das flimmernde Bild, ohne es zu erkennen. Sie hörte auch nichts mehr. Sie war in so etwas, was man vielleicht wütende Trance nennen konnte, nicht mehr ganz sie selbst.
Sie hob ihren Fernseher hoch, drehte sich damit um und riss dabei den Stecker aus der Wand und den Receiver vom Tisch. Dann stemmte sie ihn steifbeinig und keuchend zum Balkon und warf das Gerät über die Brüstung. Sie gab ihm noch mit der rechten Hand einen Stoß, und der Fernseher segelte zwei Stockwerke tief in den Schnee. Unten gab er nur ein dumpfes Geräusch von sich. Offensichtlich war er weich gelandet.
Loretta atmete tief und hielt sich mit beiden Händen an der Brüstung fest. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie zitterte. Sie wusste genau in ihrem Inneren: das hier war kein banaler Wutausbruch oder kindischer Trotzanfall gewesen. Hier war nicht irgendein Einrichtungsgegenstand in verzweifelter Rage aus dem Fenster geflogen - nein.
In ihrem Leben war hier etwas endgültig zu Ende gegangen. Endlich. Sie würde nie wieder so leben wie vorher. Sie würde nie wieder so sein wie vorher. Hier war der Anfang. Sie wusste nicht genau, wovon der Anfang. Sie wusste auch nicht, wie es gehen würde. Aber so wie vorher nicht mehr. Das war sicher.
Nachdem sie sich vor Jahren von ihrem Mann hatte scheiden lassen, hatte sie wie verrückt für ihre zwei Kinder und sich gearbeitet. Ihren eigentlichen Beruf als wissenschaftliche Assistentin an der Universität hatte sie noch mit Nebenjobs als Übersetzerin, Babysitterin und zeitweise sogar als Putzfrau ergänzen müssen.
Nun waren ihre beiden Kinder über zwanzig und bereits ausgezogen. Sie lebten mit ihren jeweiligen Partnern zusammen und jobbten und studierten.
Natürlich zahlte Loretta ihnen noch Geldzuwendungen, aber aus den gröbsten Zahlungen war sie raus. Das Geld musste im Wesentlichen nur noch für sie selbst und ihre Katze reichen.
Für eine neue Partnerschaft hatten ihre Kräfte in den letzten Jahren nicht gereicht. Sie hatte letztendlich keine Energie zum Leute kennen lernen gehabt oder gar für Dates mit unbekannten Männer. Es hatte vor zwei Jahren einmal einen Flirt mit einem älteren Studenten gegeben, der auch zu etwas näherem Kontakt geführt hatte, aber eine Liebe war nicht draus geworden.
Als Loretta ihre Tasche müde in die Ecke warf, fühlte sie deutlich, dass sie so nicht mehr weiter machen wollte. Was war der Sinn ihres Lebens? Arbeiten, um am Leben zu bleiben? Wofür?
Ihre ebenfalls arbeitssamen Freunde lebten alle für die paar Wochen Urlaub im Jahr oder für einen Abend im Kino oder für viele Abende vor dem Fernseher. Loretta schaute ebenfalls viel fern, da sie abends über keinerlei Kraft mehr für aufwändige Unternehmungen verfügte. Der verfluchte Wecker würde sie am nächsten Morgen auch nur wieder hochquälen, und im Gedanken daran kam auch keine Lebensfreude oder Unternehmungslust mehr auf.
Konnte man nicht mal ein Sabbatjahr einrichten? Oder einfach alles verkaufen und auswandern? Zum Beispiel nach Tibet, wo man in einem Kloster meditieren könnte. Oder mal den Jakobsweg lang laufen. Sie ließ sich auf die Couch fallen. Der Fernseher ging wie von selbst an. Sie konnte sich gar nicht erinnern, ihn angestellt zu haben.
Die nervige Werbung dröhnte an ihr Ohr. Dann folgten die Katastrophen der Welt, die man sich als gebildeter Normalbürger ja auch anzuhören hatte. Keine Nachrichten wissen - das ging natürlich gar nicht. Warum eigentlich nicht? Mir ginge es dann besser, dachte Loretta.
Im Anschluss kam ein Spielfilm. Sie merkte, wie sie innerlich etwas abstarb und sich vom Film einlullen ließ. Der Film bediente viele Frauen- und Männerklischees. Loretta merkte, wie sie sich innerlich ärgerte und ihre gesammelte Unzufriedenheit wuchs.
Sie machte den Fernseher aus und sah sich ungehalten in ihrer Wohnung um. Die gesamte Einrichtung stammte noch aus Zeiten ihrer Ehe. Die Kinderzimmer waren noch für die Kinder bereit, falls mal wieder eines bei ihr einziehen oder zumindest nächtigen wollte. Die Wohnung war ordentlich und sauber, aber der bewusste Anblick steigerte ihre Unzufriedenheit noch mehr.
Sie stand auf und ging zum Wohnzimmerschrank ihr gegenüber. Sie öffnete eine Schranktür und sah hinein. Da standen noch zwei Cognacflaschen von ihrem Ex-Gatten. Eine Schachtel Zigaretten von ihm lag da auch schon über zehn Jahre unangerührt.
Im Nebenschrank fand sie ein paar alte Computerspiele von ihren Kindern, alte Videofilme aus alten glücklichen Tagen der Familie und zwanzig Jahre lang nicht angerührte Bücher.
In Loretta stieg Wut hoch - Wut auf die Familie, die sie verlassen hatte, Wut auf dieses ewige Arbeiten, nie Zeit für sich selbst haben, das Leben verpassen.
Sie knallte die Schranktür zu und warf sich wieder auf die Couch. Der Fernseher schien schon wieder von selbst angegangen zu sein. Der langweilige Klischeefilm lief erneut.
Loretta hielt sich erst die Augen, dann die Ohren zu. Es gelang ihr nicht, den Fernseher erneut auszuschalten. Sie hatte das Gefühl, die Realität nicht aushalten zu können, wenn er nicht lief. Der Film zeigte ein Paar, wie es arbeitete, ins Kino ging und in den Urlaub fuhr. Gab es denn gar nichts anderes auf der Welt zu tun? War das der Sinn des Lebens?
Loretta hatte das Gefühl, zu ersticken. Sie versuchte, mit Hilfe der Fernbedienung auf ein anderes Programm umzuschalten. Die Finger gehorchten ihr nur schwer, während sie keuchend atmete. Auf dem anderen Programm schien der gleiche Film zu laufen, oder zumindest ein ähnlicher. Loretta sog verzweifelt Luft ein, die sich ihrer Lunge zu widersetzen schien. Mit letzter Kraft und sehr kurzatmig, gelang es ihr, die Balkontür zu öffnen. Gierig sog sie die frische Winterluft ein, während hinter ihr im Film die Darsteller lachten, weil sie auf Mallorca gelandet waren und zwei Wochen im Hotel verbringen würden. Nach den zwei Wochen würde der Alltagstrott dann erträglicher sein.
Loretta hielt sich mit beiden ausgestreckten Armen am Türrahmen fest. Sie hatte das Gefühl, gleich über die Brüstung in den Schnee hinaus zu fallen. Dieses Gefühl löste Angst und Sehnsucht zugleich in ihr aus. Wie wäre es, dem ganzen zu entfliehen und allem einfach ein Ende zu setzen? Aus dem zweiten Stock würde sie sich aber vielleicht nur die Beine brechen und müsste alles noch weiter aushalten. Hinter ihr war die Werbeunterbrechung. Der richtige Joghurt macht glücklich. Die richtigen Schuhe machen glücklich. Die richtige Reisegesellschaft macht glücklich. Dieses Glück gibt es nur mit Geld, das heißt arbeiten, arbeiten, arbeiten, um sich dieses kleine Glück zu kaufen.
Plötzlich drehte sich Loretta um. Sie stürzte sich nicht über die Brüstung sondern stakste etwas steif und immer noch kurzatmig zu ihrem Fernsehgerät. Sie sah auf das flimmernde Bild, ohne es zu erkennen. Sie hörte auch nichts mehr. Sie war in so etwas, was man vielleicht wütende Trance nennen konnte, nicht mehr ganz sie selbst.
Sie hob ihren Fernseher hoch, drehte sich damit um und riss dabei den Stecker aus der Wand und den Receiver vom Tisch. Dann stemmte sie ihn steifbeinig und keuchend zum Balkon und warf das Gerät über die Brüstung. Sie gab ihm noch mit der rechten Hand einen Stoß, und der Fernseher segelte zwei Stockwerke tief in den Schnee. Unten gab er nur ein dumpfes Geräusch von sich. Offensichtlich war er weich gelandet.
Loretta atmete tief und hielt sich mit beiden Händen an der Brüstung fest. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie zitterte. Sie wusste genau in ihrem Inneren: das hier war kein banaler Wutausbruch oder kindischer Trotzanfall gewesen. Hier war nicht irgendein Einrichtungsgegenstand in verzweifelter Rage aus dem Fenster geflogen - nein.
In ihrem Leben war hier etwas endgültig zu Ende gegangen. Endlich. Sie würde nie wieder so leben wie vorher. Sie würde nie wieder so sein wie vorher. Hier war der Anfang. Sie wusste nicht genau, wovon der Anfang. Sie wusste auch nicht, wie es gehen würde. Aber so wie vorher nicht mehr. Das war sicher.
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